Multitasking in der Arbeitswelt

Wissenschaftler streiten darüber, ob das menschliche Gehirn mehrere Aufgaben parallel meistern kann. Dabei ist Multitasking in der Arbeitswelt der Normalfall.

Eins nach dem anderen, immer der Reihe nach, bloß keine Hektik – der Volksmund kennt Dutzende Sätzchen, nach denen Multitasking eigentlich verboten gehört. Aber an vielen Arbeitsplätzen und im Privatleben ist das parallele Erledigen mehrerer Aufgaben Alltag. “Telefon klingelt, E-Mail schreiben und lesen, Chef will Informationen und gleichzeitig Termin eintragen” – so umschreibt eine Teilnehmerin einer Studie an der Heidelberger SRH-Hochschule das Phänomen Multitasking.

“Durch moderne Kommunikationsmittel hat die Arbeitsgeschwindigkeit erheblich zugenommen und immer mehr Aufgaben müssen zeitgleich erledigt werden”, sagt Studienleiter Andreas Zimber, Professor an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften.

Mit Studenten aus dem Masterstudiengang Wirtschaftspsychologie wollte Zimber herausfinden: Wie kommt Multitasking im Büroalltag vor? Wie wird es gemeistert? Welche belastenden oder erfreulichen Konsequenzen kann es haben? Dafür befragten die Studierenden 21 Chefsekretärinnen und Sachbearbeiterinnen aus öffentlichen Ämtern, die Resultate wurden in dieser Woche an der Hochschule der Öffentlichkeit präsentiert.

Nicht nur purer Stress

Zu den erstaunlichen Ergebnissen gehörte, dass viele mit Multitasking nicht nur Stress assoziieren. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, es als Herausforderung und nicht als Belastung zu empfinden. “Ich sehe das positiv, man ist gefordert”, sagt beispielsweise Ute Lauer, Fachbereichssekretärin bei der Stadt Mannheim, im Gespräch mit dieser Zeitung. Kolleginnen erzählen von “persönlicher Weiterentwicklung” sowie der “Ausbildung einer guten Organisationsfähigkeit”. Und: Die Fähigkeit, mehrere Dinge parallel zu schultern, hat offenbar nichts mit dem Alter zu tun. “Es ist eine Frage der persönlichen Neigung und der Einstellung”, sagt Zimber. Wissenschaftler allerdings sind sich uneins darüber, ob der Mensch grundsätzlich zum Multitasking taugt. Zwar kennt jeder aus seinem Alltag die Notwendigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Aber das Gehirn spielt da oft nicht mit der notwendigen Konsequenz mit, das belegen Dutzende Studien und Experimente. So haben Tests gezeigt, dass Personen in Fahrsimulatoren signifikant langsamer reagieren und häufiger Unfälle verursachen, wenn sie am Steuer telefonieren. In einem anderen Fall lasen US-Forscher der Universität Pittsburgh Probanden Texte vor und ließen sie parallel geometrische Figuren vergleichen. Die meisten konnten die Aufgaben zwar lösen, aber Messungen der Hirnaktivitäten machten klar: Die Aufmerksamkeit für eine der beiden Tätigkeiten geht enorm zurück.

Der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel sagt daher klipp und klar: “Multitasking ist physiologisch nicht möglich.” Zwar könne man sich einer Sache sehr bewusst widmen,
und eine andere quasi gleitend im Hintergrund mitverfolgen. Das Gehirn schaffe es aber nicht, beide Dinge mit gleicher Konzentration wahrzunehmen. Stattdessen schalte es permanent zwischen zwei Kontexten hin und her. Das führe nicht nur zu Fehlern, sondern langfristig auch zu Aufmerksamkeitsstörungen.

Ist Multitasking also ein Mythos? Nicht ganz, denn in den Lehrbüchern der Arbeitspsychologie gibt es durchaus auch Theorien über funktionierendes Multitasking. Dabei entscheiden drei Merkmale über Erfolg oder Misserfolg: “Aufgabenschwierigkeit, der Grad der Übung und Aufgabenähnlichkeit”, erklärt Valeria Gallist, eine der Master-Studentinnen, die an dem SRH-Projekt mitarbeiteten.

Die ersten beiden Punkte klingen logisch: Eine komplexe, schwierige Aufgabe oder eine neue, noch nicht geübte erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit. Was aber ist mit ähnlichen Aufgaben gemeint? “Die Theorie sagt, dass es Tätigkeiten gibt, die sich gut vereinbaren lassen, weil sie unterschiedliche Ressourcen beanspruchen”, sagt Studentin Franziska Jesch. Beispielsweise Telefonieren und Dokumente abheften – das eine erfordert mentale und sensorische Ressourcen, das andere nur motorische. Schwer machbar sei es hingegen, eine Frage zu beantworten und gleichzeitig einen Brief zu tippen. Die Studenten der SRH machten die Probe aufs Exempel und beobachteten in einem Heidelberger Amt, welche Tätigkeiten die dortigen Mitarbeiter parallel durchführten. Sie fanden die Theorie bestätigt: “Einfache motorische Tätigkeiten werden häufig mit kognitiven Tätigkeiten kombiniert”, heißt es im Abschlussbericht. Eine Frage hat das Projektteam allerdings unbeantwortet gelassen: Sind Frauen tatsächlich besser im Multitasking? Andreas Zimber lächelt: “Es gibt viele Untersuchungen, die das bestreiten”, sagt der Professor und fügt dann hinzu: “Ich würde sagen, Männer machen es einfach nur seltener.” Und Übung macht bekanntlich den Meister.

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